Predigten


Predigt am 15.1.17, 2. Sonntag n. Epiphanias – 2. Mose 33,17b-23; P. Kremer

Ist der Glaube an Gott noch zeitgemäß? Da kommen Zweifel auf. Zumindest bei der Art des Glaubens, wie ihn die Kirche vertritt. Die Zahl der Kirchenmitglieder geht immer weiter zurück, auch hier in Wahrenholz. Viele Menschen können sich nicht mehr mit dem identifizieren, was wir in den Kirchen verkündigen. Wir gelten als weltfremd, als Randgruppe. Ich sehe zwei Hauptgründe dafür: Erstens – die drei Jahrhunderte seit der Aufklärung sind nicht spurlos an uns vorübergegangen. Es zählt die Vernunft, es zählt das, was der Kopf versteht und erkennt. Das andere gilt als abseitig. Zweitens: Die herkömmlichen Autoritäten zählen nicht mehr. Wo vor 50 Jahren der Lehrer, der Pastor und Arzt noch als Respektspersonen galten, ist heute der Unterschied zwischen diesen und allen anderen Bürgern nicht mehr zu erkennen. Das ist durchaus gut so. Aber es ist eben nicht nur die Gleichheit gewachsen, sondern auch das Misstrauen gegenüber allen, die mal etwas zu sagen hatten. Und dazu gehört unter anderem die Kirche.

Aber selbst die, die der Kirche treu geblieben sind und ihren Glauben an Gott behalten haben, haben ein Grundproblem: Glaube ist nicht Wissen. Das sagt sich leicht, es klingt so selbstverständlich. Doch immer wieder schleicht sich der Zweifel ein: Wie soll ich an etwas glauben, wenn ich das überhaupt nicht zu fassen kriege?

Sogar Mose hatte dieses Problem. Also jemand, der so nah an Gott dran war wie kaum ein anderer. Ich lese den Predigttext aus dem 2. Buch Mose im 33. Kapitel: „Der Herr sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“

Mose ruft nach Gewissheit. Schon vorher hat er Gott einige Zusagen abgerungen, damit er sicher sein kann, dass Gott auch wirklich zu ihm und seinem Volk Israel hält. Und nun will er Gott selbst sehen, seine Herrlichkeit. Das, was Martin Luther mit Herrlichkeit übersetzt hat, bedeutet im hebräischen Originaltext noch viel mehr. Es geht bei ihm um die Fülle von Gottes Existenz. Es geht um den Inbegriff seiner Göttlichkeit. Also quasi sein allumfassendes Wesen. Und diese Kleinigkeit fordert Mose also nun. Ganz schön mutig, oder anders ausgedrückt: Kackfrech!

Dahinter steckt ein Wunsch, der mir nicht fremd ist und euch wahrscheinlich auch nicht. Ich will an Gott glauben, und ich tue das, so gut ich eben kann. Aber da ich nicht gehörlos aufgewachsen bin und auch nicht auf einer einsamen Insel ohne jegliche Kontaktmöglichkeit lebe, bekomme ich unausweichlich mit, wie andere meinen Glauben anzweifeln: Du glaubst an etwas, dass du nicht sehen, hören, riechen kannst? Dann glaubst du bestimmt auch an das weiße Einhorn und den Weihnachtsmann. Und ich werde unsicher und möchte doch Gewissheit haben. Gott, zeig dich mir doch!

Mose spricht seinen Wunsch aus und erlebt dann einige Überraschungen. Zunächst: Gott lehnt das nicht ab. Das an sich ist schon eine Überraschung. Aber damit geht es erst los.

„Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Gott wird ihm mit einem Namen erscheinen, es ist kein namenloser Gott, kein unnahbares Schicksal, an das wir glauben müssen. Aber es ist nicht der Name, den Mose schon kennt, sondern ein neuer: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Im Dornbusch hatte Gott zu Mose gesagt: Ich bin, der ich bin. An sich schon schwer verständlich. Nun kommt noch ein längerer dazu. Tja, Mose – so leicht ist Gott nicht zu greifen.

Mir zeigt das, dass wir sehr vorsichtig sein sollten, Gott zu benennen. Ja, ansprechen dürfen und sollen wir ihn. Aber wir Menschen haben die Eigenart, Dinge und Wesen, die wir mit Namen versehen, einzuengen, zu begrenzen, zu kategorisieren. „Vater unser“ – ein Beispiel dafür. Wir dürfen ihn Vater nennen. Doch Gott ist deshalb noch lange nicht nur Vater. Das aber war lange Zeit in unserer Kirche gesetzt. Warum kann Gott nicht auch Mutter sein? Oder Bruder, Schwester, Kind? Von Weihnachten her gedacht liegt das letzte ja sehr nah. Gott hat nicht nur einen Namen, auch nicht nur zehn. Nicht umsonst gibt es im Islam die 99 schönsten Namen Gottes – auch diese nur eine Auswahl. In seinen Namen zeigt sich uns Gott ein Stück weit. Umgekehrt gedacht: So wie ich Gott in diesem Augenblick erlebe, so darf ich ihn auch nennen. Meine Sonne, meine Burg, mein Schutzschild, meine Mutter.

Aber Mose will ja nicht nur einen neuen Namen hören. Gott überrascht ihn weiter. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Dabei könnten wir einige Verse vorher im selben Kapitel des 2. Mosebuches lesen: „Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.“ Ja was denn nun? Hat er ihn gesehen oder nicht? Schwer zu sagen. Wenn wir genau hinsehen, antwortet Gott gar nicht richtig auf die Bitte Moses: Der will ja seine Herrlichkeit sehen, und Gott spricht vom Angesicht. Also ist hier mit Angesicht etwas anderes gemeint als in den Versen zuvor? Vielleicht. Aber der Widerspruch bleibt. Ich nehme die Antwort Gottes als Hinweis darauf, dass die Herrlichkeit schon mal ganz undenkbar ist. Aber selbst das Gesicht Gottes, das einen echten Eindruck von ihm vermitteln könnte, ist für die Menschen nicht zu ertragen. Zwischen Gott und den Menschen gibt es eben keine Augenhöhe. Pech gehabt, Mose.

Wie ist Gott? Wer ist Gott? So gerne hätten wir eine Antwort darauf. Aber die bekommen wir nicht. Ich weiß gar nicht, wie viel Kilometer theologische Bücher es gibt, die versuchen, das Wesen Gottes zu beschreiben. Und doch: Wenn sie nicht ohnehin komplett daneben liegen, erfassen sie immer nur einen Bruchteil Gottes. Das macht ein großes Problem innerhalb des Christentums aus. Ich sage zum Beispiel: Gott ist die Liebe. Ein anderer sagt. Gott ist der Dunkle, der Heilige. Wie passt das zusammen? Schnell geraten wir in Streit. Jeder meint, er habe Gott richtig erkannt. Und lässt damit die Meinung des anderen nicht mehr gelten. Dabei spreche ich doch nur aus meinen Erfahrungen heraus. Ich habe Gott vielleicht als Liebenden erfahren, weil er mich bewahrt hat. Ein anderer hat seine Familie bei einem Unglück verloren und erlebt Gott als den Dunklen, ja fast dämonischen. Was ist nun richtig, was falsch? Es bleibt dabei: Kein Mensch kann Gott ganz erfassen.

Aber ganz zu Ende ist Gott mit Mose noch nicht. Er spricht weiter: „Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen.“

Hinterher sehen. Ob Mose enttäuscht war? Die Rückseite eines Menschen gilt meist viel weniger als die Vorderseite. Und wer weiß, was Mose so überhaupt von Gott sehen konnte. Das zeigt ihm: Gott ist so viel größer als er als Mensch, eine Begegnung auf Augenhöhe kann es nicht geben, so sehr er es auch wünscht. Und doch darf er ihn erleben, quasi im Rückblick. Gott geht vorüber, und danach darf Mose schauen. Gott zeigt sich.

Auf den ersten Blick will ich Gott sehen, aber ich kann es nicht. Auf den zweiten Blick erst merke ich, dass sich mir Gott schon oft gezeigt hat. Doch erst hinterher blicke ich auf und sehe ihm hinterher. Das hast du bestimmt schon erlebt. Du liegst im Krankenhaus und weißt nicht, ob du diese Krankheit überstehst. Hinterher, wieder zu Hause, merkst du, dass Gott im Spiel war, der dich bewahrt hat. Du steckst in einer tiefen Depression und hast keine Kraft mehr, an Gott zu glauben. Einige Zeit später blickst du zurück und bist erstaunt, wie sehr dich dein Erlöser dort durchgetragen hat. Du hast deinen Lebenspartner verloren und weißt nicht, wie du weiterleben sollst. Nach einer Anzahl von Jahren wird dir klar, dass du ohne die Kraft und den Mut, den du von Gott bekommen hast, nicht mehr auf die Beine gekommen wärst.

Gott zeigt sich. Er zeigt sich Mose, und er zeigt sich dir und mir. Er zeigt immer so viel, wie du ertragen kannst. Gott weiß um deine Begrenztheit. Deshalb siehst du immer nur einen kleinen Ausschnitt. Und manchmal auch nichts. Aber schau zurück, und du wirst erkennen, wie oft Gott in dein Leben eingegriffen hat, wie oft seine Herrlichkeit an dir vorübergegangen ist. Du wirst erstaunt sein.

Amen.